Karli (16), Reinhold (13) und Daniels (8)

»Wir sind einfach für die Familien da«

Das Martinshaus im westlettischen Liepaja unterstützt zerrüttete Familien im Alltag nicht nur materiell.

Ein wackeliges Etagenbett steht an der einen Wand, in der Ecke eine abgenutzte Schlafcouch, gleich daneben einige alte Schränke. Der Fußboden könnte einen neuen Belag vertragen, ebenso die Wände einen neuen Anstrich. Der Raum von Karlis (16), Elias (15), Reinholds (13) und Daniels (8) sieht nicht gerade wie ein einladendes »Kinderzimmer« aus. »Wir leben hier zu sechst in diesem kleinen Zimmer«, sagt die 38-jährige Liene. »Bis jetzt war es schon so eng, dass meine Jungs ihre Hausaufgaben nacheinander machen mussten«, sagt die Mutter, die bis zuletzt als Straßenkehrerin gearbeitet hat. Vor einem Monat hat sie Samuils geboren. »Immerhin schläft der Kleine im Kinderwagen und braucht kein eigenes Bett«, schmunzelt sie.

Die gute Laune ist der jungen Mutter nicht vergangen, trotz der ärmlichen Lebensumstände, in denen sie mit ihren fünf Söhnen leben muss. Außentoilette, kein warmes Wasser und im Winter wird mit Holz geheizt. »Hauptsache ich bin mit meinen Söhnen zusammen«, sagt die 38-Jährige und die drei Ältesten nicken zustimmend. Zu gut erinnern sie sich an die Zeit ohne ihre Mutter, weil der lettische Staat Liene die Obhut über ihre Söhne genommen hat. »Wegen unserer Armut«, sagt die Mutter. Vor 13 Jahren war das, als der zweitjüngste Reinholds gerade geboren wurde. »Iveta und das Martinshaus waren damals meine Rettung. Sie sind es auch noch heute.«

Nicht nur einmalige Hilfe
In der Rolle einer Retterin sieht sich Iveta Jansone mitnichten. »Wir sind einfach für die Familien da«, so fasst die Leiterin des Martinshauses zusammen, was sie mit ihrer Kollegin seit 20 Jahren leistet. Das »Martinsmaja«, wie es auf Lettisch heißt, war anfangs noch ein »echtes Haus«, wo Frauen in Notsituationen eine Zuflucht fanden. Es waren Frauen, die von ihren Männern geschlagen wurden, oder junge Mütter, die kein Obdach hatten. Auch Liene hat in ihrer Not im Martinshaus Obhut gefunden, während Iveta die Rückkehr der Söhne zu ihrer Mutter von den Behörden erwirkte. Nicht nur materiell half das Martinshaus, sondern auch mit Beratungen und persönlichen Gesprächen. »Damals fingen wir an zu begreifen, dass wir den Familien nicht nur einmalig helfen müssen«, erinnert sich Jansone. Es gehe darum, Familien in schwierigen Situationen langfristig zu begleiten.

Rund 30 Familien betreut die Sozialarbeiterin in der westlettischen Hafenstadt Liepaja und bringt ihnen Lebensmittel, Windeln für die Kinder oder Brennholz im Winter. Zusätzlich können die Familien das Martinshaus auch aufsuchen. An einigen Tagen gibt es warme Suppe, an anderen können die Frauen und ihre Kinder Anziehsachen, meist aus deutschen Altkleidersammlungen, abholen. Einst stand das Gebäude bei der Expo 2000 in Hannover und war der Pavillon des Heiligen Stuhls. Heute steht der modernistische Holzbau am Rand der Hafen- und Bistumsstadt Liepaja, wo nur jeder Zehnte katholischen Glaubens ist, und bildet die St. Meinard Kirche. Hier befinden sich auch die Räume des katholischen Martinshauses, das zerrütteten Familien aller Konfessionen offen steht.

Mutter Liene mit ihren Kindern vor der heruntergekommenen Einraumwohnung.
Mutter Liene mit ihren Kindern vor der heruntergekommenen Einraumwohnung.

Vor allem alleinerziehende Frauen sind hilfsbedürftig
»Gott bringt die bedürftigen Familien zum Martinshaus, wir müssen nicht nach ihnen suchen«, erzählt Jansone. Würde sie Werbeflyer oder Anzeigen schalten, so könnte die kleine katholische Einrichtung den zu erwartenden Anfragen nach Unterstützung nicht standhalten, ist sich die Sozialarbeiterin sicher. Denn der junge Staat Lettland gilt als einer der ärmsten in der EU- und Euro-Zone, wo der Durchschnittslohn 800 Euro brutto nicht übersteigt. In Deutschland sind es über 3.000 Euro. Auch bei den Sozialausgaben hinkt der Ostseestaat hinterher: Nicht einmal ein Fünftel dessen, was die Bundesrepublik für die soziale Sicherung pro Kopf ausgibt, wird in Lettland aufgebracht. Das soziale Netz ist damit auch mehr als 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion nur sehr grobmaschig.

»Besonders alleinerziehende Frauen fallen dann da durch«, weiß die Martinshausbegründerin aus Erfahrung. Viele Frauen in der strukturschwachen Region um Liepaja haben gleich mehrere Kinder von verschiedenen Vätern, hat sie beobachtet. »Sie haben den Wunsch nach Liebe und Geborgenheit«, sagt die 44-Jährige. Alkohol, Gewalt, aber auch die Abwanderung von jungen Vätern auf der Suche nach höheren Löhnen ist dann aber oft ursächlich für den Zerfall der Beziehungen und der Familien. Häufig brechen die Väter den Kontakt zu ihren Kindern ab, um Unterhaltszahlungen zu umgehen, berichtet Jansone.

Nicht nur materielle Unterstützung
Ähnliche Erfahrung hatte auch Baiba mit ihren Kindern gemacht. Im Leben der 35-Jährigen gab es drei Männer: Der erste verstarb jung, der zweite ließ sie sitzen und der dritte begann mit dem Trinken und setzte sich im Ausland ab. Heute hat sie sieben Kinder zwischen vier und 14 Jahren und wohnt mit ihnen in einem heruntergekommenen Haus mit drei Zimmern in dem ehemaligen Militärbezirk Karosta. »Ich brauche keine Hobbys, es ist immer was zu tun«, schmunzelt die achtfache Mutter. Und dann wird sie ernst: Gerade psychisch sei die Lage eine Belastung, auch weil die Kinder oft in der Schule als »arme Kinder« gehänselt werden, erzählt sie. Früher arbeitete sie als Buchmacherin und hofft wieder auf eine Beschäftigung, wenn ihre jüngsten Kinder Darens (5) und Paula (4) in die Schule kommen. Mit Unterhaltsvorschuss und Kindergeld kommt die achtköpfige Familie auf 900 Euro monatlich.

Dass sie zwei Mal in der Woche Lebensmittel vom Martinshaus erhält, sei eine enorme Entlastung. Sie schätzt aber nicht nur die materielle Hilfe der katholischen Sozialeinrichtung, sondern auch die Seminare, zu denen sich Frauen anmelden können. Sei es zu juristischen Themen, aber auch »preisbewusstem Kochen« und zu Exerzitien. Und auch die Gespräche mit Martinshausgründerin Iveta helfen ihr im Alltag.

»Ich habe das Gefühl, dass ich nicht alleine da bin«,
sagt Baiba.

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