© Alfred Herrmann - Suppenküche in Berlin-Pankow
© Alfred Herrmann

Zeugnis und Herzensantwort

In der Suppenküche in Berlin-Pankow geht ohne Ehrenamtliche nichts

 

VON ALFRED HERRMANN

12:45 Uhr:
Alle Augen richten sich auf Bernd Backhaus: »Wenn wir fest in Gott verankert bleiben, der uns liebt und uns stützt, sind wir für die Wichtigkeiten des Lebens gewappnet«, trägt er die Twitter-Botschaft des Tages von Papst Franziskus vor. Dann spricht er noch einen Segen über Speise und Gäste, bevor Maximilian und Bruder Andreas ihre Kellen in die beiden dampfenden 70 Liter-Töpfe tauchen.
Die Gäste stehen bereits in einer langen Schlange vor der Essensausgabe. Einer nach dem anderen bekommt eine Schüssel Suppe sowie ein belegtes Brot. Wer möchte, kann sich auch Salat nehmen. Die Suppenküche der Franziskaner im Berliner Stadtteil Pankow ist an diesem Dienstag gut besucht. »Jetzt, am Monatsanfang, verteilen wir am Tag rund 200 Essen. Am Monatsende, wenn das Geld knapp wird, können es über als 300 sein«, erklärt Backhaus.
 
Mehr als 80.000 Portionen gebe die katholische Initiative pro Jahr an Bedürftige aus, an Menschen am Rand, ohne Teilhabe am gewöhnlichen Alltagsleben der Gesellschaft, so der Leiter der Suppenküche.
 
Die Einrichtung in der Wollankstraße, zu der auch eine Hygienestation, eine Kleiderkammer und eine Sozialberatung zählen, öffnet immer Dienstag bis Sonntag zwischen acht und 15 Uhr. Nur drei
Wochen im Hochsommer bleiben die Tore geschlossen. Dann wird das Nötigste renoviert und Instand gesetzt. »Wir leben zu 100 Prozent von Spenden, von Geld-, Lebensmittel- und Kleiderspenden
und vor allem auch von Zeitspenden«, unterstreicht Backhaus die Unabhängigkeit der katholischen Ordenseinrichtung.
Konkret heißt das: Ohne das Engagement der fast 90 Ehrenamtlichen gibt es nichts zu Essen – ein Zeugnis lebendigen Glaubens mitten in der Welt, das Christen wie Nicht-Christen durch ihren unermüdlichen Einsatz geben.
 
9:00 Uhr:
Ilka, Ralf und Norbert sitzen im Arbeitsraum hinter der Küche und schmieren Brote. Maximilian, Jan und Rüdiger pellen Zwiebeln, schälen Gurken und schneiden Paprika. »Heute brauchen
wir 200 Brote«, gibt Norbert vor, nimmt zwei Scheiben vom Stapel und belegt sie mit Bierschinken und Salami. Sein Tischnachbar Ralf hat seinen ersten Tag. Der 38-Jährige absolviert ein Sozialprakti
kum auf dem Weg zum Erzieher. Norbert dagegen kommt bereits neun Jahre jeden Dienstag. »Mit zunehmendem Alter wächst das soziale Gewissen«, lächelt der 74-Jährige verschmitzt. Auch Rüdiger ist Rentner: »Hier macht man etwas Vernünftiges und hat einen strukturierten Tag.«
 
Ein Wink des Himmels 
»Als einen Wink des Himmels« empfand Maximilian die Suppenküche, als er vor zwei Jahren ein paar Straßen weiter in seine neue Wohnung zog. Der 29-Jährige 
ist als Industriekletterer viel unterwegs und versucht sich daher wenigstens einmal in der Woche für andere einzusetzen: 
»Mir geht es gut und da möchte ich etwas zurückgeben.« Ilka dagegen begann vor fünf Jahren als Ein-Euro-Jobberin in der Suppenküche. Sie blieb und macht nun einmal die Woche ehrenamtlich mit. »Ja, man will natürlich helfen«, erklärt Ilka ihr Engagement, »aber es ist auch diese Gemeinschaft hier hinten in der Küche. Es herrscht eine so gute Atmosphäre.«
Christliche Nächstenliebe oder den Glauben nennt keiner als Motiv. Die meisten Helfer gehören keiner Kirche an, was in Berlin wenig verwundert, in einer Stadt, in der Konfessionslosigkeit und Religionsungebundenheit der Normalfall ist. 
 
Christen und insbesondere Katholiken leben in der deutschen Hauptstadt in der Diaspora. Sie sind in der Minderheit. So bekennt auch Ilka zwar evangelisch getauft, aber nicht christlich aufgewachsen
zu sein. »Ein Kloster und dann das Gebet vor dem Essen, das waren alles neue Sachen für mich, als ich hierherkam.« Doch das Leben der Franziskanerbrüder färbte bereits etwas ab, gibt sie zu: »Manchmal stehe ich da und sage: Lieber Gott, hilf mir.«
 
Auch Evelyn sagt, sie sei evangelisch »irgendwie«, und meint dann: »aber eigentlich bin ich nichts«. Evelyn arbeitet in der Kleiderkammer an zwei Tagen die Woche. Die Ehrenamtliche kommt aus dem Stadtteil Lichtenberg und fährt fast eine Stunde zur Suppenküche. »Man muss ja nicht christlich sein, um helfen zu wollen«, betont sie noch einmal, während die 61-Jährige die nächste Kundin zwischen den Regalen mit Schuhen und Hosen und den Kleiderständern mit Jacken, Röcken und Blusen führt.
Katholisches Grundrauschen fehlt Matthias bringt Körbe voller Staudensellerie, Tomaten und Bananen herein, trägt Säcke mit Kartoffeln und Zwiebeln sowie mehrere Eimer Ketchup und einige Kästen Milch und Eier in den Vorrat.
 
Der schlanke 32-Jährige mit dem blauen Irokesenhaarschnitt kommt gerade von einer Abholung zurück. Jeden Tag fahren Helfer wie er Supermärkte in der Stadt ab, um Lebensmittel einzusammeln, die es nicht mehr in die Ladenauslage schaffen. Statt in den Müll, geben die Supermärkte die genießbaren Speisen lieber der Suppenküche.
Matthias ist katholisch. Er wuchs in Olpe, im Sauerland auf, war Pfadfinder. Als Student der Wirtschaftsinformatik sitzt er gerade über seiner Abschlussarbeit. Um nicht die ganze Zeit am Schreibtisch zu verbringen, hilft er dienstags in der Suppenküche. Bei der Entscheidung habe seine Sozialisation eine Rolle gespielt, die christlichen Werte zu leben, gibt er zu, eben das »katholische Grundrauschen«, das im Sauerland alles durchdringe. »In Berlin herrscht das komplette Gegenteil. 
Hier fehlt dieses christliche Selbstverständnis, diese Prägung«, spürt er die Konsequenzen der Diaspora.
 
10.15 Uhr:
In der Küche steht Rosi Skupin und rührt mit einem langen Holzlöffel die Suppe in einem der beiden großen Töpfe um. Reiseintopf mit Möhren, Lauch, Blumenkohl und Brokkoli steht
heute auf dem Speiseplan. Je nachdem, was für Lebensmittel gesammelt wurden, bestimmt Skupin, was am nächsten Tag gekocht wird. So soll es morgen eine Tomaten-Nudel-Suppe geben und eine Bananenspeise. »Man muss flexibel sein, bei all den unterschiedlichen Spenden.
Das ist hier die Herausforderung.« Seit 27 Jahren steht die Küchenmeisterin in der Wollankstraße am Herd. Fast zweieinhalb Millionen Portionen hat sie in dieser Zeit zubereitet. Hungrig sei
noch keiner nach Hause gegangen. »Hier geht es nicht um Umsatz, sondern darum, die Leute satt zu machen und mit den Spenden verantwortungsvoll umzugehen.« Skupin ist als Köchin das Herz
der Suppenküche und eine von nur fünf hauptberuflichen Mitarbeitern. »Diese Menschlichkeit, diese Arbeitsbedingungen, diese Dankbarkeit – das hier ist kein normaler Arbeitsplatz«, unterstreicht die
Berlinerin. Kurz und knapp sagt sie von sich: »Ich bin getauft, ich bin katholisch, ich gehe zur Messe.«
 
Hoffnungszeichen nicht nur für die Gäste
Auch Suppenküchenleiter Backhaus ist gläubiger katholischer Christ. Als sich der Psychologe und Erzieher aus dem Südoldenburgischen vor fünf Jahren um die Leitung bewarb, waren Konfession und Glaube keine Anstellungsvoraussetzung.
Dennoch bekennt Backhaus: »Für mich ist meine Arbeit eine Anfrage an meinen Glauben. Ich treffe hier auf die Armen unserer Gesellschaft und handle aus meinem Glauben heraus.« Gerade deshalb bleibt er Realist.
 
Rund 400.000 Euro muss er jährlich an Spenden sammeln, damit der Betrieb der Suppenküche gesichert ist, Strom, Heizung, Wasser, Personal, der Transporter. Zudem werden grundlegen-
de Lebensmittel gekauft, um die Selbstverpflichtung erfüllen zu können, jeden Bedürftigen, der zur Öffnungszeit kommt, zu sättigen. Große Investitionen sind da noch nicht eingepreist.
Vom Land Berlin gibt es nichts dazu. Daher ist Backhaus über die Unterstützung des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken froh. Das Spendenhilfswerk springt der Suppenküche im-
mer wieder zur Seite. So müssen jetzt die 15 Jahre alten Industriespül- und -Waschmaschinen erneuert werden. Rund 30.000 Euro braucht es dazu. Backhaus weiß um das Zeugnis: »Die
Suppenküche ist ein Hoffnungszeichen für die Gäste aber auch für die Ehrenamtlichen und zahllosen Unterstützer, die uns mit Geld- und Sachspenden bedenken.«
 
11:30 Uhr:
Draußen auf dem Hof in der Sonne sitzt Alfred und unterhält sich mit Boris, einem Obdachlosen aus Bulgarien. Alfred gehört zum Saalteam. Bereits um acht Uhr öffnet der Speisesaal der Suppenküche, um den Vormittag über als Begegnungszentrum zu dienen. Viele Essensgäste kommen bereits ganz früh, um der Einsamkeit ihrer Wohnung zu entfliehen, Hartz-IV-Empfänger, psychisch belastete Frauen und Männer, alte Menschen. Um sie kümmert sich das Saalteam. Alfred nimmt sich seit zwei Jahren jeden Dienstag Zeit, um die Gäste in dieser Zeit zu betreuen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und einfach nur mal zuzuhören. Der 73-Jährige hat eine Talk-Box dabei, eine kleine Schachtel mit Karten. Impulse für tiefergehende Gespräche: »Als Kind wollte ich ...« oder »Eine schöne Geschichte aus meinem Leben ist ...«. Wegen seinen Kindern und Enkeln aus Freudenstadt nach Berlin gezogen, fand der pensionierte Religionslehrer und aktive katholische Christ
in der Suppenküche einen Ort, an dem er mithelfen kann, »die Armen nicht zu vergessen und Gerechtigkeit und Frieden in der Welt zu befördern«.
»Mit der Suppenküche sind wir da, wo Menschen uns brauchen«, sieht Bruder Andreas Brands in der Suppenküche seiner Ordensgemeinschaft eine Antwort auf den Auftrag Jesu Christi. »Wir
sind dort, wo sich uns die geöffnete Hand für eine Schnitte Brot, die leere Suppenschüssel für etwas Warmes entgegengestreckt, wo der Mensch, der sich in die Hose gemacht hat, eine Dusche,
Waschzeug und etwas Frisches zum Anziehen braucht.« Der Franziskaner ist sich bewusst, dass dieses gelebte Glaubenszeugnis nur möglich ist, weil so viele daran mittun, und zwar
Christen wie auch Nichtchristen.
 
»Wir Franziskaner hier machen das aus einem fundamentalen christlichen Verständnis heraus. Andere möchten aus einem humanen Ansatz etwas für Notleidende tun, wieder andere engagieren sich, weil sie etwas im Herzen bewegt.« Allen öffnet die Suppenküche einen Raum. Sie schenkt gläubigen Christen wie auch jenen, die nicht mit Kirche und Christentum in Berührung sind, die Möglichkeit, ihrem inneren Drängen nachzugehen und ihre Herzensantwort zu geben. Bruder Andreas ist überzeugt: »Auch so wirkt Jesus Christus hinein in unsere Welt.«
zum Thema: Glaube und Leben