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Vom Buckelapotheker bis zum Kräuterpfad

Kräuter-Kultur im Thüringer Wald erleben

Ob Pestwurz oder Augentrost, Ehrenpreis oder Arnika – man muss nicht weit laufen, um im Thüringer Schiefergebirge seltene Kräuter und Heilpflanzen zu entdecken. Diese besonderen „Bodenschätze“ haben die Region geprägt und zum Thüringer Kräutergarten gemacht. Im rund 300 Quadratkilometer großen „Olitätenland“ hat das Sammeln, Verarbeiten und Handeln mit Kräutern eine lange Tradition. Die Faszination dieser Pflanzen und die spannende Geschichte rund um die Herstellung von Naturheilmitteln können Besucher an vielen Orten hautnah erleben: Bei Kräuterwanderungen und -seminaren, im Olitätenwagen der Oberweißbacher Bergbahn, in ungewöhnlichen Museen und nicht zuletzt bei einer persönlichen Begegnung mit Buckelapothekern und Kräuterfrauen.

Schätze aus den wilden Wiesen
Nicht nur den wildwachsenden Kräutern der Bergwiesen, der Flussauen und der feuchten Täler entlang der Gebirgsbäche ist es zu verdanken, dass sich vor fast 400 Jahren in der Schwarzaregion ein in Deutschland einzigartiges Gewerbe entwickelt hat. Auch andere Reichtümer des Waldes, etwa Beeren, Rinden, Wurzeln und Harze, dienten als Grundlage zur Herstellung von „Olitäten“. Der Begriff, der vom lateinischen „Oleum“ abgeleitet ist, verweist auf die in den Heilmitteln enthaltenen ätherischen Öle. Schon vor Jahrhunderten hatten die hier lebenden Menschen die besondere Wirkung der Wildpflanzen erkannt. Kräuterfrauen sammelten sie und stellten daraus Tinkturen und Medikamente her. Bereits Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden die ersten kleinen Waldlaboratorien und Familienbetriebe; im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten sich die Herstellung und Vertrieb der „Thüringer Heil- und Hausmittel“ zum florierendsten Gewerbe der Region. Mit den Buckelapothekern, meist die Ehemänner der Kräuterfrauen, entstand ein einzigartiger Berufszweig, quasi ein Vorgänger der heutigen Pharmavertreter. Ganze Dynastien von Buckelapothekern vertrieben die Olitäten: in Tonkrügen, Glasflaschen und Spanschachteln verpackt, trugen sie die Essenzen und Tinkturen in großen Kraxen auf dem Rücken in alle Welt.

Buckelapotheker
Buckelapotheker

Den Thüringer Kräutergarten erfahren
Auch wenn die Zunft der Buckelapotheker seit DDR-Zeiten ausgestorben ist, findet man im Schwarzatal heute immer noch welche. Etwa im Olitätenmuseum in Oberweißbach oder in den anderen kleinen Museen, die an die besondere Tradition der Region erinnern. Auch an der Strecke der Oberweißbacher Bergbahn kann man einem Buckelapotheker oder weiteren passend zur Region gestalteten Holzfiguren begegnen. Wer mit dem Cabrio-Wagen gemütlich die steile Strecke bis zur Bergstation zurückgelegt hat, kann dort in den „Olitätenwagen“ umsteigen. Dieser halboffene Panoramawaggon verkehrt vom Frühjahr bis zum Herbst bei schönem Wetter auf dem Weg nach Oberweißbach und macht den Thüringer Kräutergarten auf besondere Art „erfahrbar“. Spielerisch kann man im Inneren des Wagens die verschiedenen Kräuter der Region erkennen- und riechen lernen. Rund um Oberweißbach können Wanderer auf rund 10 Kilometern den Spuren der Buckelapotheker folgen. Auf einem 2,5 Kilometer langen Teilstück dieses Wanderweges – dem Oberweißbacher Kräuterlehrpfad – wachsen über 80 verschiedene wilde Heilpflanzen. Nähere Informationen zu den Pflanzen geben nicht nur Schilder am Wegesrand; Interessierte können sie durch Scannen der jeweiligen QR-Codes auch bequem auf ihr Smartphone laden. Der Weg um die einstige Olitätenhochburg Oberweißbach ist außerdem ein Teilabschnitt des Olitätenrundwanderweges, der auf 178 Kilometern durch den gesamten Thüringer Kräutergarten führt.

Von der Kraft der Kräuter
Wer noch mehr über die Pflanzen und ihre Wirkung erfahren möchte, kann bei speziellen Führungen und Seminaren an zahlreichen Orten im Thüringer Wald sein Wissen vertiefen, so etwa bei diversen Kräuterseminaren im Fröbelhaus Oberweißbach, den geführten Wanderungen im Naturpark Schiefergebirge Obere Saale oder in der Kräuterschule Großbreitenbach. Dabei geht es nicht nur um fachgerechtes Sammeln, Trocknen, Aufbereiten, Lagern und Verarbeiten von Kräutern, Früchten und Wurzeln. In Kochkursen werden Wildkräuter zusammen mit Gartenkräutern und Obst- und Gemüsevarianten kreativ zubereitet und können anschließend gemeinsam genossen werden. Besondere Kräutererlebnisse bietet auch die Gartentherapeutin Claudia Wallnisch an. Sie hat nicht nur an der Klosterruine in Paulinzella einen öffentlichen Kräutergarten mit 27 liebevoll bepflanzten Hochbeeten angelegt. In ihrer Kräuterwerkstatt gibt sie auch Kurse zu verschiedenen Kräuterthemen und zeigt etwa, wie man Lippenbalsam oder Badepralinen herstellt. Auf diversen Kräuterwanderungen können die Teilnehmenden dazu Interessantes über Wildkräuter und ihre Verwendung erfahren. Die auf der Wanderung gesammelten Kräuter werden im Anschluss gemeinsam zu würzigen Tees, leckeren Likören, Ölen, zu Pesto oder gesunden Salaten verarbeitet.

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Wildkräuter

Feste für Kräuterfans
Zudem lassen zahlreiche urige Feste in der Region die Herzen von Kräuterliebhabern höherschlagen. Den Auftakt für die Kräutersaison macht am 19. Mai das Kräuterfest in Oberweißbach. In Großbreitenbach lässt am 11. August der Bräétmicher Kram- und Kräutermarkt, der größte Spezialmarkt für Kräuter- und Naturprodukte in Mitteldeutschland, wieder die einzigarte Tradition aufleben. An mehr als 100 Marktständen bieten Händler Schmackhaftes, Schönes und Gesundes an, darunter Tees und Kräuterlikör, Naturheilmittel und -kosmetik aber auch die passenden Bücher und regionale Handwerkserzeugnisse. Und natürlich kann man sie hier auch wieder treffen: die Kräuterfrauen und Buckelapotheker.

Weitere Infos: www.thueringer-wald.com

zum Thema: Kultur