Kind im Flüchtlings-Camp in Bentiu. 90 Prozent der südsudanesischen Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze.
© Stefanie Glinski/ Welthungerhilfe

Welttag der humanitären Hilfe 2018 - Krisenbegrenzung durch Vorsorge

Vorhersagebasierte Finanzierungen: ein neues Kapitel in der humanitären Hilfe

Wer, wie die Welthungerhilfe, humanitäre Hilfe leistet, der weiß: Vorsorgen ist grundsätzlich effektiver und günstiger als Rehabilitation und Wiederaufbau. Hinzu kommt, dass die Reaktionen der internationalen Staatengemeinschaft auf Katastrophen in der Regel viel zu spät kommen. Jeder Euro, den die Welthungerhilfe frühzeitig einsetzt, um Notsituationen wie in Ostafrika oder aktuell in Bangladesh zu vermeiden, ist vier bis fünfmal so wirksam wie Gelder gegen eine akute Hungersnot.

Die aktuellen Bilder von hungernden Kindern im Südsudan oder Yemen führen uns vor Augen, dass die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft wieder zu spät kommt und finanziell bei weitem nicht ausreicht, um den Millionen von Hunger bedrohten Menschen einen Ausweg aus dieser Krise zu sichern. Die Reaktion auf humanitäre Krisen gehorcht bisher einem beklagenswerten Muster: die UN und andere vor Ort tätige Organisationen warnen wochen- oder monatelang vor einer drohenden Katastrophe, nachdem Frühwarnsysteme die ersten Alarmsignale gesendet haben. Aber erst wenn die ersten dramatischen Bilder im Fernsehen und den großen Magazinen erscheinen, werden Geberkonferenzen anberaumt und Gelder versprochen. Early warning – no action heißt der Status quo. Humanitäre Hilfe ist meistens zu langsam, oft durch politische Interessen beeinflusst und in der Regel finanziell nicht gut ausgestattet.

Aus diesen Gründen fokussiert sich die Welthungerhilfe in ihrer Arbeit auf rechtzeitige Warnung, early warning, und frühzeitiges Handeln, early action. Kommunen und lokale Akteure sollen zu einem frühen Zeitpunkt auf ein eintretendes und eventuell unvermeidbares Extremereignis besser vorbereitet werden. Wir wollen erreichen, dass die Auswirkungen so wenig Menschenleben wie möglich kosten und auch die wichtige lokale Infrastruktur nicht zerstört wird. Die ohnehin oft schon prekäre Ernährungs-situation in den Ländern, die von Extremereignissen betroffen sind, soll nach Möglichkeit nicht weiter verschärft werden. Statt sich wie bisher nur um die Folgen eines extremen Ereignisses wie etwa einen Sturm oder Überschwemmungen zu kümmern, wird das Risiko in den Blick genommen und frühzeitig in Maßnahmen investiert, die die Folgen des Extremereignisses mildern können. Viele Krisen sind vorhersehbar und unser Handeln sollte es auch sein. Damit wird weder die Entwicklungszusammenarbeit noch die humanitäre Hilfe überflüssig. Beides bleibt notwendig. Doch der Zeitraum zwischen der Vorhersage und dem Eintreten eine Katastrophe soll effektiver genutzt werden.

© Roland Brockmann/ Welthungerhilfe
Wasserstelle in einem Flüchtlingscamp, Südsudan

Das kostet Geld und erfordert einen Finanzierungsmechanismus, der regelt, von wem, wann und wie die Maßnahmen finanziert werden und wer das Geld erhält. Mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes arbeitet das Deutsche Rote Kreuz (DRK) an so einem Mechanismus, und die Welthungerhilfe hat von 2015-2017 als Partner in Peru, Mozambique und Bangladesh geholfen, Leitlinien, Protokolle und Notfallpläne zu entwickeln, die für einen derartigen Mechanismus notwendig sind. Dazu benötigt man vor allem genaue Daten und Analysen, wer in welcher Situation für was verantwortlich ist und wer besonders von einer möglichen Katastrophe betroffen ist.  

Dies geschieht vor allem durch intensive Gespräche vor Ort, in die alle Beteiligten von Anfang an eingebunden werden, denn die Menschen vor Ort müssen die Risiken verstehen, denen sie ausgesetzt sind. Klassischer Weise sind das Hurrikane oder Zyklone, Überschwemmungen, Dürren oder Kälteperioden. Dienste und Dienstleister müssen identifiziert werden, die Daten zum Wetter, wie beispielsweise Sturmwarnungen, zu Bodenfeuchtigkeit und -beschaffenheit etc. auswerten und so eine Vorhersage überhaupt erst ermöglichen. Dann müssen die notwendigen präventiven Maßnahmen, wie zum Beispiel Schutz und Stabilisierung von Häusern, Bau von Notunterkünften oder Anlegen von Vorräten entwickelt werden. Parallel gilt es, den Schwellenwert für Gefahr zu ermitteln. Wie verwundbar ist eine Kommune, Stadt oder Region?  Bis zu welchem Ausmaß können die Menschen die Auswirkungen einer Krise noch bewältigen und wann sind sie existenziell überfordert? Um schon im Vorfeld einer Katastrophe schnell und professionell reagieren zu können, muss es für alle standardisierte und verständliche Vorgehensweisen und Handlungslinien geben.

© Stefanie Glinski/ Welthungerhilfe
Eine Frau im Flüchtlingscamp in Bentiu, Südsudan, hat Lebensmittel bei einer Verteilung entgegengenommen.

Danach brauchen wir Geldgeber, die bereit sind, solche auf Vorhersagen basierte Warnsignale zu hören und entsprechend Gelder zur Verfügung zu stellen, wenn aus den Kommunen der Hinweis kommt: Achtung, wir steuern auf eine Katastrophe zu.  Stimmt dieser Hinweis mit den wissenschaftlich definierten Schwellenwerten überein, greifen die vorher vereinbarten Handlungslinien und die darin enthaltenden Maßnahmen werden umgesetzt. Die Vorteile liegen auf der Hand: weniger Schäden und Tote, eine engere Verzahnung von Entwicklungsansätzen und humanitärer Hilfe, die Einbindung und Stärkung lokaler Akteure und geringere Ausgaben für humanitäre Hilfe als Antwort auf ein Extremereignis.

Aktuell arbeitet die Welthungerhilfe in Madagaskar an so einem Mechanismus, damit die Menschen besser mit extremen Dürren umgehen können. Im Süden des Landes gibt es klassische Trockenzonen, zunehmend sind aber auch Zonen betroffen, die traditionell nicht zu den Dürreregionen zählen. Im Hochland Madagaskars wird immer mehr von ausbleibenden Regenfällen berichtet, der die lokale Reisernte stark beeinträchtigt. Es könnte also sein, dass diese Region in absehbarer Zukunft ebenfalls von Dürren betroffen ist. Die Welthungerhilfe arbeitet bei ihrem neuen Vorhaben eng mit der nationalen Katastrophenschutzbehörde zusammen, aber auch mit internationalen Partnern, wie dem Welternährungsprogramm (WFP), der Weltlandwirtschaftsorganisation (FAO), dem Deutschen Roten Kreuz, dem Catholic Relief Service (CRS) aus den USA, CARE International oder ihrem Schweitzer Alliance2015 Partner Helvetas. Entscheidend für dieses Pilotvorhaben ist, dass möglichst viele Dürrezonen abgedeckt werden, was bei der Größe des Landes schon eine Herausforderung an sich darstellt, und dass der Ansatz auf andere Länder übertragen werden kann. Dies ist die Grundidee unseres neuen Konzepts: early warning führt zu early action.

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Dr. Till Wahnbaeck

Der Autor Dr. Till Wahnbaeck ist Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe.

Weitere Informationen erhalten Sie unter http://www.welthungerhilfe.de

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